Auszug aus dem Trockenbau Journal Nr. 1 - März 2006
Brief des Herausgebers
Liebe Leserinnen,
liebe Leser!
Die erfolgreiche Führung eines
Unternehmens ist in Zeiten der
Globalisierung und der europäischen
Wettbewerbsfreiheit
nicht gerade
leichter geworden.
Sinkende
Wirtschaftskraft
und steigender
Konkurrenzdruck
verschärfen
noch die Situation
für unsere Betriebe, die bereits
froh sein können, dass nicht auch
noch die EU-Dienstleistungsrichtlinie
in ihrer ursprünglich geplanten
Form von den europäischen
Gremien beschlossen worden ist.
Es hätte uns ja gerade noch gefehlt,
wenn beispielsweise unsere Mitbewerber
aus den östlichen Reformländern
ihre Dienstleistung in
Österreich zu den fiskalischen und
rechtlichen Bedingungen ihres
Heimatlandes hätten anbieten können,
während wir mit unseren höheren
Steuern, höheren Sozialleistungen
und engeren rechtlichen
Möglichkeiten einen fairen Wettbewerb
bestehen sollten.
Aber auch ohne der Realisierung so
drastischer Ungereimtheiten sind
in unseren Betrieben verstärkte
Innovation, gute neue Ideen und
flexibles Marktverhalten gefragt.
Allerdings führen allzu emsige
Bemühungen mit dem ausschließlichen
Blick auf Gewinn-Maximierung
gelegentlich dazu, dass
übers Ziel geschossen wird und
Praktiken Platz greifen, die mit fairem
Wettbewerb oder den ethischen
Grundsätzen der guten, alten Handwerkstradition
nur mehr wenig gemein
haben.
Es gehörte bisher zu den ungeschriebenen
Gesetzen des wirtschaftlichen
Handelns in unserer
Branche, dass es einen klaren
Trennungsstrich zwischen den industriell
strukturierten Produktionsbetrieben
und der gewerblichhandwerklichen
Struktur der Anwender
und Verarbeiter gibt. Es
wäre ja auch eine glatte Verzerrung
des Wettbewerbs, wenn Industriebetriebe
einen einzelnen gewerblichen
Anwender z. B. durch besonderes
preisliches Entgegenkommen,
durch Verschaffung von
Informationsvorteilen oder auch
nur durch Einsicht in ihre Verkaufsbücher
bevorzugen würden.
Industrie und Gewerbe unserer
Branche arbeiten seit fast 50 Jahren
erfolgreich zusammen und niemals
in dieser Zeit ist auch nur der
Verdacht aufgekommen, dass es
eine solche Vorgangsweise gäbe.
Die Anwender hätten vermutlich
auch überaus sensibel auf einen solchen
Fall reagiert und die Industrie
wäre wahrscheinlich sehr rasch von
ihrem Irrweg abgekommen.
Umso überraschter waren daher alle
unsere Branchenkollegen, als es
vor kurzem zu einer Entwicklung
gekommen ist, die den Eindruck
hinterlässt, als ob die bisherigen
Grundsätze in Frage gestellt seien
und eine Situation herbei geführt
wäre, die als einmalig und erstmalig
bezeichnet werden müsste.
Dabei ist einem innovativen Branchenkollegen,
der ein neues und
zweckmäßiges Produkt entwickel
und in den Verkauf gebracht hat,
durchaus und rundherum Respekt
zu zollen. Ein wenig problematisch
war wenig später aber schon die
Erkenntnis, dass sich die Doppelfunktion
als Produzent und Anwender
für manche Käufer des
Produktes als fatal erwiesen hat.
Durch die Angebots-Anfragen seiner
Kollegen hat der Produzent von
Projekten erfahren, für die er sich
dann als Anwender heftig interessiert
hat.
So weit, so problematisch. Vollends
undurchschaubar in allen seinen
Auswirkungen wird es aber dann,
wenn dieses Produkt eines Anwenders
in das Verkaufsprogramm einer
Industrie aufgenommen wird
und die wechselhaften Beziehungen
zwischen Produzent, Verkäufer,
Anwender und allen übrigen Branchenfirmen
nur mehr im Nebel
grauer Vermutungen untergehen.
Noch dazu erschwerend für unsere
Industriegründungsmitglieder ist
die Tatsache, dass sie es nicht notwendig
haben Erfüllungsgehilfen
einer Ausführungsfirma zu sein !!
Durch Zukauf von einer Brandschutz-
Plattenerzeugung und einer
Steinwolleproduktion, haben sie
genug Produkte zu verkaufen und
müssen sich nicht mit Kleinkram
der Stuck- und Trockenausbauer in
den Vertrieb mit gemeinsamen
Prospekten, zu bemühen !!
Ich wage einerseits zu behaupten,
dass dies eine Entwicklung ist, die
als ungesund bezeichnet werden
kann – aber ich hege als überzeugter
Vertreter der Marktwirtschaft
gleichzeitig die tiefe Hoffnung, dass
es der freie Markt sein wird, der
hier regulierend eingreifen und die
allzu innovativen Geschäftspraktiken
alsbald ad absurdum führen
wird.
Die bewährten Grundsätze österreichischer
Handwerkstradition haben
sich in der Vergangenheit immer
wieder durchgesetzt. Ich habe
keinerlei Zweifel, dass dies auch
in Zukunft so sein wird.
Ihr
Wolfgang Blasch
Quelle: Trockenbau Journal Nr. 1 - März 2006
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